Es gibt zwei Sorten von Ungarn-Wissen im deutschsprachigen Raum. Das eine stammt aus einem Urlaub am Balaton im Jahr 2004, das andere aus einer Facebook-Gruppe. Beides ist selten aktuell und…
Harry Houdini, Robert Capa, der Kugelschreiber, der Zauberwürfel, die Grundlage der mRNA-Impfstoffe, die Architektur fast jedes Computers der Welt: Hinter all dem stecken Ungarn. Und in den meisten Fällen weiß man es nicht, weil die Namen unterwegs anglisiert, germanisiert oder komplett ausgetauscht wurden.
Ungarn ist ein Land mit rund 9,5 Millionen Einwohnern. Gemessen daran ist die Dichte an Weltklasse-Erfindern, Nobelpreisträgern, Regisseuren, Fotografen und Sportlern kaum zu erklären. In diesem Guide finden Sie die bekanntesten Namen, die spannendsten Underdogs und die tragischen Fälle, die viel zu spät Anerkennung fanden. Am Ende zeige ich Ihnen außerdem, wo Sie in Ungarn heute noch konkrete Spuren dieser Menschen besichtigen können.
Inhalt
- Warum ausgerechnet Ungarn?
- Hollywood-Stars mit ungarischen Wurzeln
- Die Ungarn, die Hollywood erfunden haben
- Die „Marsmenschen“: ungarische Wissenschaftler
- Ungarische Erfindungen, die Sie täglich benutzen
- Musik: von Liszt bis Kubrick-Soundtrack
- Fotografie, Design und Bauhaus
- Literatur: Nobelpreise und Wiederentdeckungen
- Sport: die goldene Elf und andere Rekordhalter
- Die Underdogs: Genies, die zu Lebzeiten scheiterten
- Spurensuche: diese Orte können Sie besuchen
- Häufige Fragen
Warum ausgerechnet Ungarn?
Bevor wir zu den Namen kommen, lohnt ein Blick auf die Ursache. Denn die auffällige Häufung ungarischer Ausnahmetalente im Ausland ist kein Zufall, sondern hat drei sehr handfeste Gründe.
Erstens: das Budapester Bildungswunder. Zwischen 1867 und dem Ersten Weltkrieg erlebte Budapest einen beispiellosen Boom. Die Stadt bekam die erste U-Bahn Kontinentaleuropas, eine gewaltige Bauwelle und ein Schulsystem, das in Mathematik und Naturwissenschaften Maßstäbe setzte. Elitegymnasien wie das Fasori Evangélikus Gimnázium oder das Mintagimnázium brachten innerhalb weniger Jahrgänge gleich mehrere spätere Weltklasse-Physiker hervor. Der Mathematikwettbewerb „Eötvös-Wettbewerb“ ab 1894 und die Schülerzeitschrift KöMaL sortierten Talente früh heraus.
Zweitens: Krieg, Trianon und Diktaturen. Der Vertrag von Trianon 1920 kostete Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebiets. Es folgten antisemitische Gesetze ab 1920, der Holocaust, danach der Stalinismus und schließlich die niedergeschlagene Revolution von 1956, nach der rund 200.000 Menschen das Land verließen. Jede dieser Wellen spülte hochqualifizierte Menschen nach Wien, Berlin, Paris, London und vor allem in die USA.
Drittens: die Namen. Wer in New York, London oder Los Angeles ankam, änderte seinen Namen. Aus Weisz wurde Houdini, aus Friedmann wurde Capa, aus Kellner wurde Korda, aus Gróf wurde Grove. Deshalb tauchen ungarische Biografien im deutschsprachigen Raum oft gar nicht als solche auf.
In Hollywood kursierte jahrzehntelang der Spruch, in den Studios habe ein Schild gehangen: „Es reicht nicht, Ungar zu sein, man braucht auch Talent.“ Ob das Schild je existierte, ist umstritten. Dass der Witz entstehen konnte, sagt genug.
Hollywood-Stars mit ungarischen Wurzeln
Harry Houdini (1874 bis 1926)
Der berühmteste Entfesselungskünstler der Geschichte hieß Erik Weisz und kam am 24. März 1874 in Budapest zur Welt. Sein Vater war Rabbiner und wanderte 1878 mit der Familie in die USA aus, wo Erik zu Ehrich Weiss wurde. Houdini selbst behauptete zeitlebens, er sei in Appleton, Wisconsin geboren, und feierte seinen Geburtstag am 6. April. Seinen Künstlernamen wählte er nach dem französischen Magier Jean-Eugène Robert-Houdin.
Houdini war also gebürtiger Ungar, sprach im Elternhaus Ungarisch und Jiddisch und wurde trotzdem zur amerikanischsten aller Showfiguren. Budapest hat ihm inzwischen ein eigenes Museum gewidmet, dazu später mehr.
Bela Lugosi (1882 bis 1956)
Der Mann, der Dracula sein Gesicht gab, wurde als Béla Ferenc Dezső Blaskó in Lugos geboren, damals Königreich Ungarn, heute Lugoj in Rumänien. Er war ein ausgebildeter Theaterschauspieler des Nationaltheaters in Budapest, floh nach dem Scheitern der Räterepublik 1919 aus dem Land und lernte seine Rollen in den USA anfangs phonetisch auswendig, weil sein Englisch nicht reichte. Sein Akzent, den er nie ablegte, wurde zu seinem Markenzeichen und gleichzeitig zu seinem Gefängnis: Er kam aus der Horror-Schublade nie mehr heraus.
Peter Lorre (1904 bis 1964)
Der unvergessliche Kindermörder aus Fritz Langs „M“ hieß László Löwenstein und wurde in Rózsahegy geboren, damals Österreich-Ungarn, heute Ružomberok in der Slowakei. Später spielte er in „Casablanca“ und „Die Spur des Falken“. Eine kuriose Fußnote: In „Casablanca“ trafen mit Lorre, Regisseur Michael Curtiz und weiteren Beteiligten gleich mehrere Ungarn aufeinander.
Tony Curtis (1925 bis 2010)
Geboren als Bernard Schwartz in der Bronx, Sohn ungarisch-jüdischer Einwanderer aus Mátészalka. Curtis war der Star aus „Manche mögen’s heiß“ und Vater von Jamie Lee Curtis. Was viele nicht wissen: Er engagierte sich stark für Ungarn und war eine treibende Kraft hinter der Restaurierung der Großen Synagoge in der Dohány-Straße in Budapest, dem größten Synagogenbau Europas. Der Trauerweiden-Gedenkbaum im Hof geht auf diese Initiative zurück.
Zsa Zsa Gabor (1917 bis 2016) und Schwestern
Sári Gábor wurde in Budapest geboren, ebenso ihre Schwestern Eva und Magda. Zsa Zsa war 1936 Miss Hungary und wurde in den USA berühmt dafür, berühmt zu sein, lange bevor es dafür ein Wort gab. Ihre Schwester Eva Gabor spielte in der Serie „Grüne Wiesen“ und sprach in Disneys „Bernard und Bianca“.
Mickey Hargitay (1926 bis 2006)
Hargitay Miklós aus Budapest wurde 1955 Mr. Universe, heiratete Jayne Mansfield und ist der Vater von Mariska Hargitay, der Hauptdarstellerin aus „Law & Order: Special Victims Unit“.
Weitere bekannte Namen mit ungarischem Hintergrund
- Adrien Brody, Oscar-Preisträger für „Der Pianist“, ist Sohn der in Budapest geborenen Fotografin Sylvia Plachy, die 1956 als Kind aus Ungarn floh.
- Rachel Weisz, Oscar-Preisträgerin, hat einen ungarischen Vater, der als Kind vor den Nationalsozialisten nach England floh.
- Goldie Hawn hat eine Mutter mit ungarisch-jüdischen Wurzeln.
- Gene Simmons von KISS wurde als Chaim Witz in Israel geboren, seine Mutter Flóra stammt aus Ungarn und überlebte den Holocaust.
- Estée Lauder, Gründerin des Kosmetikimperiums, hieß Josephine Esther Mentzer und war Tochter einer ungarisch-jüdischen Einwandererfamilie in New York.
Joseph Pulitzer (1847 bis 1911)
Der Namensgeber des berühmtesten Journalistenpreises der Welt wurde in Makó im Süden Ungarns geboren. Er wanderte 1864 als 17-Jähriger in die USA aus, kämpfte im Bürgerkrieg, arbeitete sich vom Reporter zum Zeitungsverleger hoch und stiftete testamentarisch die Journalistenschule der Columbia University samt Preis. Wenn Sie also das nächste Mal von einem Pulitzer-Preis lesen: Der Mann kam aus einer ungarischen Kleinstadt.
Andy Grove (1936 bis 2016)
Gróf András István aus Budapest überlebte als Kind den Holocaust mit falschen Papieren, floh 1956 nach der niedergeschlagenen Revolution über Österreich in die USA und stieg dort zum CEO von Intel auf. Er machte den Mikroprozessor zum Massenprodukt und wurde 1997 zur Person des Jahres des Time Magazine gewählt. Sein Managementbuch „Only the Paranoid Survive“ gilt bis heute als Silicon-Valley-Klassiker.
Die Ungarn, die Hollywood erfunden haben
Das ist der Teil der Geschichte, den außerhalb Ungarns fast niemand kennt: Zwei der großen Hollywood-Studios wurden von Ungarn gegründet.
| Person | Ungarischer Name | Geburtsort | Leistung |
|---|---|---|---|
| Adolph Zukor | Zukor Adolf | Ricse | Gründer von Paramount Pictures |
| William Fox | Fried Vilmos | Tolcsva | Gründer der Fox Film Corporation |
| Michael Curtiz | Kertész Mihály | Budapest | Regisseur von „Casablanca“, Oscar 1944 |
| Alexander Korda | Kellner Sándor | Pusztatúrpásztó | Britische Filmindustrie, erster geadelter Regisseur |
| Miklós Rózsa | Rózsa Miklós | Budapest | Filmkomponist, drei Oscars (u. a. „Ben Hur“) |
| Vilmos Zsigmond | Zsigmond Vilmos | Szeged | Kameramann, Oscar für „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ |
| László Kovács | Kovács László | Cece | Kameramann von „Easy Rider“ |
| Joe Eszterhas | Eszterhás József | Csákánydoroszló | Drehbuchautor von „Basic Instinct“ |
Adolph Zukor kam 1889 mit wenig Geld nach New York, arbeitete als Kürschner, investierte in Nickelodeon-Kinos und baute daraus Paramount auf, das älteste noch existierende Hollywood-Studio. William Fox wiederum gründete die Firma, deren Name bis heute in 20th Century Studios und Fox News weiterlebt. Zwei Männer aus zwei ungarischen Dörfern, die die globale Unterhaltungsindustrie geprägt haben.
Zsigmond und Kovács flohen übrigens gemeinsam 1956 aus Ungarn und schmuggelten dabei Filmmaterial der Revolution über die Grenze. Beide wurden später zu den einflussreichsten Kameramännern des New Hollywood.
Die „Marsmenschen“: ungarische Wissenschaftler
In Los Alamos kursierte während des Zweiten Weltkriegs ein Insiderwitz: Die Ungarn seien in Wahrheit Marsianer, die sich als Menschen tarnen. Sie seien nur deshalb aufgeflogen, weil sie eine unverständliche Sprache sprechen und zu klug für Menschen sind. Die Gruppe ging als „Die Marsmenschen“ (ungarisch: marslakók) in die Wissenschaftsgeschichte ein.
John von Neumann (1903 bis 1957)
Neumann János Lajos, geboren in Budapest, gilt vielen als eines der größten Denkgenies des 20. Jahrhunderts. Nach ihm ist die Von-Neumann-Architektur benannt, das Grundprinzip, nach dem praktisch jeder Computer bis heute funktioniert: Programm und Daten liegen im selben Speicher. Er begründete außerdem gemeinsam mit Oskar Morgenstern die Spieltheorie, arbeitete am Manhattan-Projekt mit und legte Grundlagen für die Wettersimulation und die zellulären Automaten.
Anekdoten über sein Rechentempo gibt es zuhauf. Sein Gedächtnis war so gut, dass er ganze Bücher wörtlich zitieren konnte.
Leó Szilárd (1898 bis 1964)
Der Budapester Szilárd Leó hatte 1933 beim Warten an einer Londoner Ampel die Idee der nuklearen Kettenreaktion und ließ sie patentieren. Er verfasste 1939 den berühmten Brief an US-Präsident Roosevelt, den Einstein unterschrieb und der zum Manhattan-Projekt führte. Nach Hiroshima wurde er zum entschiedenen Gegner des Atomwaffeneinsatzes und engagierte sich für Rüstungskontrolle. Er ist eine der widersprüchlichsten und interessantesten Figuren des Jahrhunderts.
Edward Teller (1908 bis 2003)
Teller Ede aus Budapest gilt als Vater der Wasserstoffbombe und war eine der umstrittensten wissenschaftlichen Persönlichkeiten des Kalten Kriegs. Sein Zerwürfnis mit Robert Oppenheimer prägte die amerikanische Wissenschaftspolitik über Jahrzehnte.
Weitere Nobelpreisträger mit ungarischen Wurzeln
| Name | Preis | Jahr | Wofür |
|---|---|---|---|
| Albert Szent-Györgyi | Medizin | 1937 | Isolierung von Vitamin C, unter anderem aus Paprika |
| George de Hevesy | Chemie | 1943 | Radioaktive Indikatoren (Tracer-Methode) |
| Eugene Wigner | Physik | 1963 | Symmetrieprinzipien in der Kernphysik |
| Dennis Gabor | Physik | 1971 | Erfindung der Holografie |
| John Harsanyi | Wirtschaft | 1994 | Spieltheorie mit unvollständiger Information |
| George Olah | Chemie | 1994 | Carbokationen-Forschung |
| Imre Kertész | Literatur | 2002 | Literarisches Werk zum Holocaust |
| Katalin Karikó | Medizin | 2023 | Modifizierte mRNA als Basis der Corona-Impfstoffe |
| Ferenc Krausz | Physik | 2023 | Attosekundenphysik |
| László Krasznahorkai | Literatur | 2025 | Literarisches Gesamtwerk |
Zwei Details lohnen die Hervorhebung:
Albert Szent-Györgyi isolierte Vitamin C in Szeged, ausgerechnet aus ungarischem Paprika, weil dieser große Mengen der Substanz enthält und ihm im Labor gerade nichts anderes zur Verfügung stand. Er nannte den Stoff zunächst halb im Scherz „Ignose“, also „Ich weiß es nicht“, was die Fachzeitschrift ablehnte.
Katalin Karikó ist der wohl beste moderne Underdog-Fall Ungarns. Sie stammt aus Kisújszállás, Tochter eines Metzgers, verließ Ungarn 1985 mit ihrem Mann, ihrer kleinen Tochter und 900 im Teddybär versteckten Pfund. In den USA wurde ihre mRNA-Forschung jahrzehntelang belächelt, sie wurde in Pennsylvania herabgestuft und bekam Fördermittel verweigert. 2023 erhielt sie gemeinsam mit Drew Weissman den Nobelpreis für ihre Arbeit, die den Weg zu den ersten mRNA-Impfstoffen gegen Covid-19 ebnete.
Ferenc Krausz wiederum, geboren in Mór, gehört zu den 2023 ausgezeichneten Physikern für die Erzeugung ultrakurzer Lichtblitze, mit denen sich Elektronenbewegungen sichtbar machen lassen. Er forscht in München.
Theodore von Kármán (1881 bis 1963)
Kármán Tódor aus Budapest war einer der Väter der modernen Aerodynamik. Nach ihm sind die Kármánsche Wirbelstraße und die Kármán-Linie benannt, jene Grenze in etwa 100 Kilometern Höhe, die üblicherweise als Beginn des Weltraums gilt. Er war Mitbegründer des Jet Propulsion Laboratory der NASA.
Paul Erdős (1913 bis 1996)
Erdős Pál war der wandernde Mathematiker: Er besaß kaum Eigentum, lebte aus einem Koffer, zog von Universität zu Universität und veröffentlichte rund 1.500 Fachartikel mit über 500 Koautoren, mehr als jeder andere Mathematiker der Geschichte. Bis heute geben Mathematiker ihre Erdős-Zahl an, also den Abstand ihrer Koautorenschaft zu ihm. Kinder nannte er „Epsilons“, Alkohol „Gift“ und Gott „SF“, den höchsten Faschisten.
Ungarische Erfindungen, die Sie täglich benutzen
Der Kugelschreiber: László Bíró
Bíró László József, Journalist in Budapest, ärgerte sich über Tinte, die verschmierte, und beobachtete in der Druckerei, wie schnell Zeitungsfarbe trocknete. Gemeinsam mit seinem Bruder, einem Chemiker, entwickelte er den Kugelschreiber und meldete ihn 1938 zum Patent an. Vor den antijüdischen Gesetzen floh er nach Argentinien, wo der Stift bis heute schlicht „birome“ heißt. Argentinien feiert an seinem Geburtstag, dem 29. September, den Tag des Erfinders. In Großbritannien ist „biro“ das gängige Wort für Kugelschreiber. Nur im deutschen Sprachraum kennt kaum jemand den Namen.
Der Zauberwürfel: Ernő Rubik
Rubik Ernő, Architekt und Designdozent in Budapest, baute 1974 ein Lehrmodell, um seinen Studenten räumliche Beziehungen zu erklären. Erst als er die Farbflächen verdreht hatte, merkte er, dass er das Ding selbst kaum zurücksortieren konnte. Es dauerte ihn über einen Monat, den ersten Würfel zu lösen. Der „Bűvös kocka“, der Zauberwürfel, wurde zum meistverkauften Spielzeug der Geschichte mit weit über 350 Millionen verkauften Exemplaren. Rubik lebt bis heute in Budapest.
Weitere ungarische Erfindungen im Überblick
| Erfindung | Erfinder | Jahr (ca.) |
|---|---|---|
| Streichholz ohne Knall und Explosion | János Irinyi | 1836 |
| Sodawasser (industrielle Herstellung) | Ányos Jedlik | 1826 |
| Elektromotor-Prototyp, Dynamoprinzip | Ányos Jedlik | 1828 / 1861 |
| Transformator und Wechselstromnetz | Bláthy, Déri, Zipernowsky (Ganz-Werke) | 1885 |
| Elektrizitätszähler | Ottó Bláthy | 1889 |
| Vergaser für Verbrennungsmotoren | Donát Bánki, János Csonka | 1893 |
| Elektrifizierung der Eisenbahn mit Drehstrom | Kálmán Kandó | ab 1900 |
| Konstruktion des Ford Modell T | József Galamb | 1908 |
| Ladungsspeicherprinzip der Fernsehröhre | Kálmán Tihanyi | 1926 |
| Kugelschreiber | László Bíró | 1938 |
| Langspielplatte (LP) | Peter Carl Goldmark | 1948 |
| Holografie | Dennis Gabor | 1947 |
| Zauberwürfel | Ernő Rubik | 1974 |
Ein paar Anmerkungen, weil bei Erfindungsgeschichten gern übertrieben wird:
Ányos Jedlik war Benediktinermönch und Physiker. Er baute bereits um 1828 einen funktionierenden elektromotorischen Apparat und formulierte das Prinzip der Selbsterregung des Dynamos, veröffentlichte es aber nicht. Werner von Siemens erhielt für die praktische Umsetzung 1866 den Ruhm. Ein klassisches ungarisches Muster.
József Galamb wanderte 1903 in die USA aus und wurde Chefkonstrukteur bei Ford. Das Modell T, das Auto, das die Massenmotorisierung auslöste, trägt seine Handschrift.
Peter Carl Goldmark (Goldmark Péter Károly) aus Budapest entwickelte bei CBS die Langspielplatte mit 33 1/3 Umdrehungen und arbeitete an einem frühen Farbfernsehsystem. Wenn Sie Vinyl hören, hören Sie ein ungarisches Format.
Musik: von Liszt bis Kubrick-Soundtrack
Franz Liszt (1811 bis 1886)
Liszt Ferenc wurde in Doborján geboren, damals Königreich Ungarn, heute Raiding im österreichischen Burgenland. Er sprach zeitlebens kaum Ungarisch, bezeichnete sich aber konsequent als Ungar und schrieb mit den Ungarischen Rhapsodien Musik, die weltweit zum Klischee des Ungarischen wurde. Er war der erste Musiker, der so etwas wie Popstar-Hysterie auslöste. Heinrich Heine prägte dafür den Begriff „Lisztomanie“.
Béla Bartók und Zoltán Kodály
Bartók Béla und Kodály Zoltán zogen ab 1905 mit dem Phonographen durch ungarische, slowakische, rumänische und türkische Dörfer und nahmen Bauernlieder auf. Damit begründeten sie die moderne Ethnomusikologie. Bartók verließ Ungarn 1940 aus Protest gegen die Annäherung an Nazi-Deutschland und starb 1945 verarmt in New York. Kodály blieb und entwickelte die Kodály-Methode, ein Musikpädagogikkonzept, das bis heute weltweit an Schulen unterrichtet wird.
Die Operettenkönige
- Franz Lehár (Lehár Ferenc), geboren in Komárom, schrieb „Die lustige Witwe“.
- Emmerich Kálmán (Kálmán Imre) wurde in Siófok am Balaton geboren und schuf „Die Csárdásfürstin“ und „Gräfin Mariza“. Sein Geburtshaus in Siófok ist heute ein Museum, ein schöner Stopp bei einem Balaton-Urlaub.
Dirigenten und Komponisten des 20. Jahrhunderts
Die Liste ungarischer Dirigenten an amerikanischen Spitzenorchestern ist absurd lang: Georg Solti (Rekordhalter mit 31 Grammys), Eugene Ormandy (Philadelphia), Fritz Reiner (Chicago), George Szell (Cleveland), Antal Doráti. Alle in Budapest geboren oder ausgebildet.
Und dann ist da noch György Ligeti, geboren in Siebenbürgen, dessen Werke „Atmosphères“, „Lux Aeterna“ und „Requiem“ Stanley Kubrick für „2001: Odyssee im Weltraum“ verwendete, anfangs übrigens ohne ausreichende Absprache. Wenn Ihnen der Klang des Monolithen im Ohr klingt: Das ist ungarische Musik.
Fotografie, Design und Bauhaus
Die moderne Fotografie ist ohne Ungarn schlicht nicht denkbar.
Robert Capa hieß eigentlich Friedmann Endre Ernő und wurde 1913 in Budapest geboren. Den Namen „Robert Capa“ erfanden er und seine Partnerin Gerda Taro als Kunstfigur, einen angeblich berühmten amerikanischen Fotografen, damit die Redaktionen mehr Honorar zahlten. Er wurde zum bekanntesten Kriegsfotografen der Geschichte, war 1944 am D-Day am Omaha Beach dabei, gründete 1947 die Agentur Magnum mit und starb 1954 in Indochina durch eine Mine.
André Kertész (Kertész Andor), ebenfalls aus Budapest, gilt als einer der Pioniere der Fotoreportage und beeinflusste Henri Cartier-Bresson maßgeblich.
Brassaï war in Wahrheit Halász Gyula aus Brassó (heute Brașov, Rumänien). Sein Künstlername bedeutet nichts anderes als „der aus Brassó“. Mit „Paris de nuit“ schuf er das bis heute prägende Bild des nächtlichen Paris.
Martin Munkácsi (Munkácsi Márton) revolutionierte die Modefotografie, indem er die Models aus dem Studio ins Freie und in Bewegung brachte.
Im Design und in der Architektur:
- László Moholy-Nagy, Bauhaus-Meister, später Gründer des New Bauhaus in Chicago.
- Marcel Breuer (Breuer Marcell) aus Pécs, Erfinder des Stahlrohrmöbels. Der „Wassily-Stuhl“ und der Freischwinger stehen bis heute in Millionen Wohnungen. Später baute er das Whitney Museum in New York.
- Victor Vasarely (Vásárhelyi Győző), ebenfalls aus Pécs, gilt als Begründer der Op-Art.
Literatur: Nobelpreise und Wiederentdeckungen
Imre Kertész erhielt 2002 als erster Ungar den Literaturnobelpreis. Sein Roman „Roman eines Schicksallosen“ verarbeitet seine Deportation nach Auschwitz und Buchenwald als 14-Jähriger.
László Krasznahorkai folgte 2025 als zweiter ungarischer Literaturnobelpreisträger, ausgezeichnet für sein Werk, das inmitten apokalyptischen Schreckens die Kraft der Kunst bekräftigt. Geboren wurde er 1954 im südostungarischen Gyula. Mehrere seiner Romane, darunter „Satanstango“, wurden von Béla Tarr verfilmt. Seine Sätze laufen oft über Seiten, seine Bücher gelten als fordernd und sind es auch.
Sándor Márai ist der große Wiederentdeckungsfall der europäischen Literatur. Er verließ Ungarn 1948, lebte im Exil und nahm sich 1989 in San Diego das Leben, kurz bevor sein Land frei wurde. Erst in den 1990er Jahren, ausgelöst durch italienische und deutsche Neuübersetzungen, wurde „Die Glut“ zum internationalen Bestseller. Ein Autor, der zu Lebzeiten fast vergessen war und posthum zum Klassiker wurde.
Magda Szabó und ihr Roman „Die Tür“ erging es ähnlich: später internationaler Ruhm, in Ungarn längst Schullektüre.
Ferenc Molnár schrieb „Die Jungen der Paulstraße“, einen der meistgelesenen Jugendromane Mitteleuropas, und das Stück „Liliom“, aus dem Rodgers und Hammerstein das Musical „Carousel“ machten.
Und Sándor Petőfi, der Nationaldichter, dessen Gedicht „Nemzeti dal“ 1848 die Revolution mit auslöste, verschwand mit 26 Jahren in der Schlacht von Segesvár. Sein Schicksal ist bis heute ungeklärt und Gegenstand von Spekulationen.
Sport: die goldene Elf und andere Rekordhalter
Ferenc Puskás und die Aranycsapat
Die „Goldene Elf“ der 1950er Jahre gilt vielen als beste Mannschaft, die nie Weltmeister wurde. Am 25. November 1953 schlug Ungarn England in Wembley mit 6:3, die erste Heimniederlage Englands gegen ein Team vom europäischen Festland überhaupt. Das Rückspiel in Budapest endete 7:1. Ferenc Puskás wechselte nach 1956 zu Real Madrid und wurde dort zur Legende. Die FIFA verleiht bis heute den Puskás-Award für das schönste Tor des Jahres.
Weitere ungarische Sportgrößen
- Aladár Gerevich, Säbelfechter, gewann bei sechs aufeinanderfolgenden Olympischen Spielen zwischen 1932 und 1960 Gold. Diesen Rekord hat bis heute niemand in einer olympischen Sportart überboten.
- László Papp war der erste Boxer der Geschichte mit drei olympischen Goldmedaillen (1948, 1952, 1956).
- Krisztina Egerszegi, Spitzname „Egérke“ (Mäuschen), gewann fünf olympische Goldmedaillen im Schwimmen, die erste mit 14 Jahren.
- Katinka Hosszú, die „Iron Lady“, dominierte über Jahre die Lagenwettbewerbe.
- Judit Polgár gilt als stärkste Schachspielerin aller Zeiten. Sie weigerte sich, in Frauenturnieren anzutreten, und besiegte 2002 Garri Kasparow.
- Wasserball ist Ungarns heimliche Nationalsportart. Das legendäre „Blutbad von Melbourne“ 1956 gegen die Sowjetunion, kurz nach der Niederschlagung des Aufstands, ist bis heute ein nationales Symbol.
Die Underdogs: Genies, die zu Lebzeiten scheiterten
Diese Geschichten sind die interessantesten, weil sie zeigen, wie viel Anerkennung mit Timing, Sprache und Beziehungen zu tun hat.
Ignác Semmelweis (1818 bis 1865)
Der „Retter der Mütter“ erkannte in Wien, dass Ärzte, die vom Sezieren direkt in den Kreißsaal gingen, das Kindbettfieber übertrugen. Er führte die Händedesinfektion mit Chlorkalklösung ein und senkte die Sterblichkeit dramatisch. Die medizinische Fachwelt lehnte ihn ab, seine Wiener Stelle wurde nicht verlängert, er ging nach Pest zurück, wurde zunehmend verbittert und starb mit 47 Jahren in einer Anstalt bei Wien. Erst Pasteurs Keimtheorie bestätigte ihn posthum. Heute trägt die medizinische Universität Budapests seinen Namen, und die UNESCO nahm seine Aufzeichnungen ins Weltdokumentenerbe auf.
János Bolyai (1802 bis 1860)
Der Mathematiker aus Klausenburg entwickelte parallel zum Russen Lobatschewski die nichteuklidische Geometrie, jene Grundlage, ohne die Einsteins Relativitätstheorie undenkbar wäre. Er veröffentlichte sie 1832 als 24-seitigen Anhang zu einem Lehrbuch seines Vaters. Als sein Vater das Werk an Carl Friedrich Gauß schickte, antwortete dieser, er könne es nicht loben, denn das hieße sich selbst zu loben, er habe dasselbe schon lange gedacht. Bolyai brach daran, so berichten es zumindest die Biografien, innerlich zusammen und veröffentlichte zu Lebzeiten nie wieder etwas Größeres. Er starb weitgehend unbekannt.
Kálmán Tihanyi (1897 bis 1947)
Tihanyi meldete 1926 sein „Radioskop“ zum Patent an und beschrieb darin das Ladungsspeicherprinzip, ohne das eine brauchbare Fernsehbildaufnahmeröhre nicht funktioniert. Seine Patente wurden später unter anderem von RCA erworben. In der populären Erzählung des Fernsehens taucht sein Name kaum auf. Die UNESCO nahm seine Patentschrift 2001 ins Weltdokumentenerbe auf.
Leó Szilárd, noch einmal
Szilárd patentierte die Kettenreaktion und übertrug das Patent bewusst an die britische Admiralität, um es geheim zu halten. Später versuchte er vergeblich, den Abwurf der Bombe auf japanische Städte zu verhindern, und sammelte dafür Unterschriften von Wissenschaftlern. Er ist der Mann, der eine Technologie mit anstieß und den Rest seines Lebens gegen deren Anwendung kämpfte.
Und wieder Katalin Karikó
Ihre Geschichte gehört genau hierher: herabgestuft, unter Druck gesetzt, jahrzehntelang belächelt, und am Ende Nobelpreisträgerin. Der Unterschied zu Semmelweis und Bolyai ist, dass sie es noch selbst erleben durfte.
Spurensuche: diese Orte können Sie besuchen
Wenn Sie ohnehin nach Ungarn reisen, lassen sich viele dieser Biografien direkt vor Ort erleben. Prüfen Sie vorab die Öffnungszeiten, gerade bei kleineren Häusern ändern sich diese saisonal.
In Budapest
- House of Houdini, Burgviertel in Buda: das einzige Houdini-Museum Europas, mit Original-Requisiten und Live-Zauberei.
- Semmelweis-Museum für Medizingeschichte, im Geburtshaus von Ignác Semmelweis in Buda.
- Liszt-Ferenc-Gedenkmuseum, in seiner letzten Budapester Wohnung, mit seinen Instrumenten.
- Bartók-Béla-Gedenkhaus im II. Bezirk, sein letztes Wohnhaus vor der Emigration.
- Große Synagoge in der Dohány-Straße, deren Restaurierung Tony Curtis mit vorantrieb.
- Puskás Aréna und das benachbarte Fußballmuseum.
- Robert-Capa-Zentrum für zeitgenössische Fotografie in der Nagymező utca.
- Rubik-Würfel: In Budapest finden Sie zahlreiche Ausstellungsstücke und Souvenirs, der Erfinder selbst lebt zurückgezogen in der Stadt.
Am Balaton und in der Umgebung
- Siófok: das Geburtshaus von Emmerich Kálmán ist heute ein Museum, ein guter Regentagstipp am Südufer.
- Balatonfüred: die Villa des Schriftstellers Mór Jókai, dazu die Tagore-Promenade, an der prominente Gäste seit Jahrzehnten Bäume pflanzen, unter anderem Nobelpreisträger und Staatsoberhäupter.
- Keszthely: Schloss Festetics, Sitz einer Familie, die mit der 1797 gegründeten Georgikon die erste landwirtschaftliche Hochschule Europas ins Leben rief.
- Tihany: die Benediktinerabtei, in deren Gründungsurkunde von 1055 die ältesten zusammenhängenden ungarischen Textpassagen überliefert sind.
Anderswo im Land
- Pécs: Vasarely-Museum und Zsolnay-Kulturviertel, dazu die Geburtsstadt von Marcel Breuer.
- Szeged: Wirkungsstätte von Albert Szent-Györgyi, wo Vitamin C isoliert wurde.
- Makó: Geburtsort von Joseph Pulitzer.
- Gyula: Geburtsort von László Krasznahorkai, und dazu ein schönes Thermalbad in einer Burganlage.
Häufige Fragen
War Harry Houdini wirklich Ungar?
Ja. Er wurde 1874 als Erik Weisz in Budapest geboren und kam mit vier Jahren in die USA. Zeit seines Lebens behauptete er allerdings öffentlich, er sei in Wisconsin geboren.
Wie viele Nobelpreisträger hat Ungarn?
Je nach Zählweise etwa 13 bis 15. Die Spanne kommt daher, dass viele Preisträger ungarischer Herkunft ihre ausgezeichnete Arbeit im Ausland leisteten und teils andere Staatsbürgerschaften besaßen. Gemessen an der Einwohnerzahl liegt Ungarn damit international sehr weit vorn.
Welche berühmten Erfindungen stammen aus Ungarn?
Unter anderem der Kugelschreiber, der Zauberwürfel, die Langspielplatte, die Holografie, der Transformator und das moderne Wechselstromnetz, der Elektrizitätszähler, der Vergaser sowie zentrale Grundlagen des Fernsehens und der Computerarchitektur.
Warum haben so viele berühmte Ungarn nicht-ungarische Namen?
Die meisten emigrierten und passten ihre Namen der neuen Sprachumgebung an, oft aus praktischen Gründen, oft wegen Antisemitismus, oft weil ungarische Namen im Ausland kaum aussprechbar sind. Aus Kertész Mihály wurde Michael Curtiz, aus Friedmann Endre wurde Robert Capa, aus Gróf András wurde Andy Grove.
Wer ist der berühmteste Ungar der Welt?
Das hängt vom Publikum ab. In der Popkultur dürften es Harry Houdini und Ernő Rubik sein, in der Wissenschaft John von Neumann, im Sport Ferenc Puskás, in der Musik Franz Liszt.
Warum nennt man die ungarischen Physiker „Marsmenschen“?
Der Ausdruck stammt aus dem Manhattan-Projekt und war ein Scherz unter Kollegen: Die Ungarn seien so klug und sprächen eine so unverständliche Sprache, dass sie eigentlich vom Mars stammen müssten.
Ungarn ist ein kleines Land mit einer Sprache, die außerhalb der Grenzen fast niemand versteht, und mit einer Geschichte, die im 20. Jahrhundert einen großen Teil seiner klügsten Köpfe ins Ausland getrieben hat. Genau daraus entstand dieses seltsame Phänomen: Ungarn sind überall, nur erkennt man sie nicht.
Wenn Sie das nächste Mal einen Kugelschreiber in die Hand nehmen, eine Schallplatte auflegen, einen Zauberwürfel drehen, einen Computer einschalten oder in „Casablanca“ hineinschauen, dann haben Sie ungarische Geistesarbeit vor sich. Und wenn Sie das Land bereisen, wissen Sie jetzt, wo Sie die Spuren finden.
Kennen Sie weitere Namen, die in diese Liste gehören? Schreiben Sie es gern in die Kommentare, die Liste ließe sich problemlos noch einmal verdoppeln.









